Internationale Erasmus+-Tagung zu Migrationsfragen in Polenlan 19112018 most logo

Handgreiflich sichtbare Geschichte: Lehrer-Delegationen aus Griechenland, Italien, Frankreich, Polen und Deutschland tagten vom 3.–7. Februar, hauptsächlich in der gastgebenden Schule, in Zamość. Die gemeinsame europäische Geschichte wurde vor Ort handgreiflich sichtbar: Das stattliche Gebäude des Tagungsortes, heute eine öffentliche Privatschule, wurde ursprünglich für die zaristische Armee als Kaserne errichtet, stammt somit aus der Zeit, als der Staat Polen auf der Landkarte nicht existierte: Die Nachbarmächte Russland, Preußen und Österreich hatten ihn bis 1918 unter sich aufgeteilt.

 

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An Rosa Luxemburgs Gedenktafel: Joachim Härtig zeigt seine Verbundenheit am vermuteten Geburtshaus der Revolutionärin Rosa Luxemburg in der Staszic-Straße 37 in Zamość. Rosas Familie sprach und las zu Hause Polnisch und Deutsch. Zamość liegt tief im Osten von Polen, nicht weit entfernt von der ukrainischen Grenze, geographisch und kulturell gehört es zu Mitteleuropa: Rosa Luxemburg hatte in ihrem Elternhaus die klassische und romantische deutsche und polnische Dichtung erhalten.
Die unsichtbare Ausstellung: Noch vor Beginn der eigentlichen Tagung besuchten wir in völliger Dunkelheit die blindentaugliche Ausstellung „Invisible Exhibition“, die dem Besucher die Möglichkeit, seine Tast- und Hörsinne zu vertiefen: Die Kunstwerke durften berührt werden.

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Brücken zwischen Offenheit, Respekt und Identität: Die englischsprachige Tagung mit dem Thema Bridges between openness, respect und identity begann mit Präsentationen der jeweiligen Migrations- und Flüchtlingssituation durch Kolleginnen und Kollegen der beteiligten Länder. Überraschend große Verschiedenheiten wurden auf diese Weise konkret, im nachfragenden Erfahrungsaustausch freundschaftlich und anschaulich vertieft.

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Europäische Werte: Die polnischen Gastgeber hatten das Thema Europäische Werte anhand des einst in Deutschland entwickelten Metaplan-Konzepts vorgeführt, bei dem es darum geht, Kompetenz im Verstehen, Gestalten und Führen von Organisationen und Interaktionen herzustellen. Eine Reihe von Übungen vertiefte diese Arbeit an Werten anhand der Metaplan-Struktur.

Engagierte polnische Oberstufen-Schüler: Am zweiten Tag referierten engagierte Oberstufen-Schüler der gastgebenden Schule zu Fragen der Migration in Polen, sie nahmen kritisch Stellung zum Standpunkt der gegenwärtigen polnischen Regierung und berichteten, inwieweit an ihrer Schule Migration – aus aktuell deutscher Sicht nur marginal – sichtbar wird.

Ein Konzept der Integration: Mark Stecher stellte die Situation der Flüchtlings- und Migrationsbewegung vor, wie sie sich gegenwärtig in Deutschland, in Schwäbisch Hall und an der Gewerblichen Schule zeigt. Insbesondere anhand der Schulklassen des AVdual vertiefte der Haller AVdual-Teamleiter unser Konzept der Integration von Flüchtlingen und Migranten.

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Die Situation in Südeuropa: Die oftmals dramatische europäische Geschichte wurde auch deutlich, als die griechische Delegation aus Orestiada, einer Stadt im bulgarisch-türkischen Grenzgebiet, aus ihrer Geschichte berichtete: Im Jahre 1923 legalisierte der Vertrag von Lausanne nachträglich die kriegerisch vollzogene Vertreibung, bei der 1,5 Millionen christliche Griechen und 800.000 muslimische Türken ihre bisherige Heimat verlassen mussten. Die damals neu gezogenen Grenzen zwischen der Türkei und Griechenland sind die bis heute gültigen. Ein Großteil der heutigen Griechen lebt im Ausland, gegenwärtig sind 50% der Jugendlichen in Orestiada arbeits- und perspektivlos. Wer kann, sieht oftmals keine andere Chance, als die abgelegene Region zu verlassen. Für heutige Migranten ist die Region also nicht attraktiv, sie kennen sie hauptsächlich als Durchreisende. Die Delegation aus Potenza, einer Provinzhauptstadt in der Basilikata in Süditalien, berichtete von einer hohen Anzahl unbegleiteter Jugendlicher, um die sich der italienische Staat nicht kümmert. Diese Jugendlichen besuchen in der Provinz Potenza keine Schule. Es gebe eine gesetzliche Vorgabe, wonach max. 30% der Schüler einer Klasse nichtitalienischer Herkunft sein dürfen.

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Zum Kulturprogramm: Im Rathaus wurden wir vom gewählten Bürgermeister herzlich empfangen. Danach referierte u.a. die Direktorin der Abteilung für Bildung die Situation der Migranten in Zamość. Die Stadtführung führte uns danach durch die Altstadt von Zamość, die seit 1992 zum Weltkulturerbe der UNESCO gehört: Zamość wurde nach den Vorstellungen des venezianischen Baumeisters Bernardo Morando im Stil der italienischen Renaissance erbaut, was ihr den Namen Padua des Nordens einbrachte. In winterlicher Eiseskälte besuchten wir das nationalsozialistische Vernichtungslager Belzec in der heutigen Woiwodschaft Lublin in unmittelbarer Nähe zur ukrainischen Grenze. Am Tag der Abreise führte uns die polnische Delegation in Warschau in das neu errichtete Museum Polin, das sich mit der Geschichte der Juden in Polen beschäftigt.

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